Veranstaltungen zum Gedenken am 9. November 2024
Aus der Geschichte der Juden und Synagogen in Gera
In Gera bestand bereits im Mittelalter eine jüdische Gemeinde. Erstmals wurden Juden in der Stadt 1331 erwähnt. In der "Jüdengasse", zwischen Markt und Kornmarkt, wohnten vermutlich jüdischen Familien bzw. schlugen dort an Markttagen ihre Stände auf.
Es kann vom Stadtarchiv nicht nachgewiesen werden, ob die Judenverfolgungen in Thüringen 1303 oder im Verlauf der Pestepidemie 1348/1349 auch Gera erreichten. Ob die Juden zu Beginn des 16.Jahrhunderts auch aus Gera vertrieben wurden, ist aus den vorliegenden Quellen nicht zu erschließen. (1450 brannte das Rathaus mit dem dort untergebrachten Archiv während des sächsischen Bruderkrieges vollkommen nieder und durch den Stadtbrand von 1780 kam es nochmals zu einer nahezu völligen Vernichtung des städtischen Archivs.)
In den 1920er Jahren war die Judenschaft in Gera die personell zweitstärkste in Thüringen, nach Erfurt. 1925 lebten 510 Juden in Gera, im März 1944 waren es nur noch 14 jüdische Mitbürger. Bereits Ende der 1920er Jahre kam es in Gera zu „völkischen Rüpeltaten“, wie die „Ostthüringische Tribüne” vom September 1927 vermeldete. Schaufenster jüdischer Geschäfte wurden eingeschlagen. Die Judenschule im Meistergäßchen wurde ‘entrümpelt’. Außerdem wurden sämtliche jüdische Geschäfte in der Stadt geschlossen. Jüdische Männer wurden festgenommen und unter dem Gejohle der Menge... in Arrestzellen gesperrt und anschließend ins KZ Buchenwald verschleppt. Ende Oktober 1938 wurden etwa 140 Geraer Juden mit polnischer Staatsangehörigkeit in Richtung Polen abgeschoben. Die in Gera verbliebene jüdische Bevölkerung musste in „Judenhäuser“ umziehen, die sich in der Schulstraße 16, Agnesstraße 4 und Zschochernstraße 32 befanden. Der „Endlösung“ zum Opfer gefallen sind mehr als 200 gebürtige bzw. längere Zeit in der Stadt ansässig gewesene Geraer Juden, laut Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem/Jerusalem...
Geras Juden leisteten einen großen Beitrag zur wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklung der Stadt. Aus dem 1878 vom jüdischen Kaufmann Max Biermann gegründeten kleinen Textilhaus entwickelte sich in den Folgejahrzehnten das größte Geschäftshaus in Gera... 1938 wurde das Kaufhaus „arisiert“ und ging in den Besitz der Firma Braun & Co über. Eines der bekanntesten Unternehmen in Gera leiteten Hermann und Oskar Tietz. Der Warenhauskonzern Tietz wurde bereits 1935/1936 „arisiert“ und als "Hertie" weitergeführt.
Bereits im Mittelalter war eine Synagoge ("Judenschule") für das Jahr 1502 bezeugt.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde eine Synagoge in der Leipziger Straße eingerichtet (Tempel nach 1885). Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wurden die Gottesdienste in einem Hintergebäude (Obergeschoss eines Seitenflügels) des damaligen Hotels "Kronprinz" am Rossplatz (heute "Platz der Republik") abgehalten. Daneben gab es Beträume verschiedener orthodoxer Richtungen, ein größerer Betraum (orthodoxe Synagoge) war bis 1938 in der Hospitalstraße 4, heute Karl-Liebknecht-Straße.
Beim Novemberpogrom 1938 wurden die Synagogen im Hotel "Kronprinz" und in der Hospitalstraße durch NS-Anhänger geschändet. Alles von Wert wurde von plündernden Bürgern entwendet. Die Einrichtungs- und Kultgegenstände wurden herausgerissen und auf dem Gelände des Rossplatzes verbrannt. Von einer Brandlegung des Synagogenraumes sah man wegen der Gefährdung der umstehenden Gebäude ab. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Hotel "Kronprinz" zerstört, mit dem Betsaal im Hintergebäude.
Auf dem städtischen Ostfriedhof, in unmittelbarer Nähe eines Massengrabes, erinnert ein Gedenkstein an die fast 450 jüdischen Opfer aus den Außenlagern Rehmsdorf und Gleina des ehemaligen KZ Buchenwald. Ihre Asche wurde hier verstreut.
Auf Initiative des Jüdisch-Deutschen Kulturvereins Gera wurde im Oktober 2012 eine Gedenktafel im Gebäude des Hauptbahnhofes angebracht, die namentlich an die Deportationsopfer erinnert.
Die Stadt Gera beteiligt sich seit 2008/2009 auch am „Stolperstein“-Projekt. Inzwischen sind ca. 110 Steine verlegt worden, die an Opfer der NS-Gewaltherrschaft erinnern (Stand 2024).
Adresse/Standorte der Synagogen, Beträume und jüdischen Schule
- Betsaal im Hintergebäude des nicht mehr bestehenden Hotel "Kronprinz" Schülerstraße/Ecke Anna-Schneider-Weg (heute "Platz der Republik")
- orthodoxe "Ost"-Juden besaßen in der Hospitalstraße 4 einen eigenen Betraum (später Karl-Liebknecht-Straße)
- die Judenschule im Meistergäßchen (die letzten Gebäude in diesem Areal wurden Anfang der 1960er Jahre zum Bau des ehemaligen Interhotels abgerissen)
Im November 1988 zum 50. Jahrestag der Novemberpogrome wurde ein Denkmal für die zerstörte Synagoge eingeweiht, eine Sandsteinplastik des Bildhauers Wieland Schmiedel.
Das Denkmal besteht aus vier Teilen.
- Einem zerbrochenen Synagogeneingang mit der Inschrift: "Synagoge zu Gera 9.11.1938" und drei Steinplatten, die davor im Boden liegen.
- Die mittlere, kleinere Steinplatte zeigt eine Menora, einen siebenarmiger Leuchter.
- Auf einer der Platten steht: "Die Pogromnacht des 9. November 1938 brachte Zerstörung, unendliches Leid und Tod über unsere jüdischen Mitbürger".
- Auf der anderen Inschriftenplatte steht: "Sechs Millionen Juden wurden von 1933 bis 1945 Opfer des deutschen Faschismus".
Informationsquellen
⇐ Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde
⇐ Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum
⇐ jüdisch-israelische Kulturtage in Thüringen 2025
Werner Simsohn, Juden in Gera, Band 1
Helmut Eschwege, Geschichte der Juden im Territorium der ehemaligen DDR, Band II, S. 899 f.
Ferdinand Hahn, Geschichte von Gera und dessen nächster Umgebung, Seite 288
Siegfried Mues, Die Straßennamen von Gera von A bis Z, Seite 159
Veranstaltungsablauf am 9. Novemeber 2024
- 15:45 Uhr Gedenkveranstaltung der progressiven Kräfte und Organisationen am Synagogendenkmal
- 16:30 Uhr Gedenkveranstaltung der Stadtverwaltung am Synagogendenkmal
- 17:00 Uhr ökomenische Andacht in der St. Trinitatis Kirche
- 17:30 Uhr Der Klang der Stolpersteine in Geras Innenstadt, am Ende der Webseite sind Fotos mit dem Aequalis-Chor.
- 18:15 Uhr Gemeinsames Singen des Abschlussliedes
Das Kelbl
, zur gleichen Zeit in ganz Gera
Der Klang der Stolpersteine, zum Gedenken und gemeinsamen Singen


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